Hirntumore bei Kindern: Pestizide stark verdächtigt

Im Zürcher Weinland und im Berner Seeland leiden mehr Kinder an Hirntumoren als in der übrigen Schweiz. In Landwirtschaftsgebieten des Kantons Zürich liegt das Hirntumor-Risiko für Kinder sogar um bis 40 Prozent höher, wie der neueste K-Tipp berichtet. Mutmassliche Ursache: Pestizide.
septembre 14, 2020
Fausta Borsani

Am 14. Juli 2018 endet das kurze Leben von Max Kreuzer. Er wurde gerade mal 14 Monate alt. Sieben Monate später stirbt der achtjährige Leon Pasanen. Beide wohnten in Flaach, im Zürcher Weinland – und beide Kinder starben an einem Hirntumor.

Hirntumore bei Kindern sind selten
Hirntumorerkrankungen sind selten. In der Schweiz erkranken pro Jahr rund 50 Kinder daran. Aber nicht überall sind Kinder gleich häufig davon betroffen. Das zeigt eine Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, die im Mai 2020 erschienen ist. Die ForscherInnen haben 1290 Hirntumorerkrankungen aus dem Kinderkrebsregisters ausgewertet. Und was sie herausfanden schreckt auf: Im Zürcher Weinland und im Berner Seeland gibt es deutlich mehr Fälle als im Schweizer Durchschnitt (siehe auch folgende Abbildung aus obengenannter Studie Quelle: Konstantinoudis, G. et al., 2020).

Die hellgrünen Stellen in der Abbildung markieren die beiden Risikogebiete im Kanton Zürich und im Berner Seeland. Die Farbskala gibt an, um wie viel höher (oder tiefer) das Krebsrisiko im Vergleich zum Landesdurchschnitt ist, z.B. zeigt der Wert 1.2 ein um 20% höheres Risiko an.

Hotspots sind inmitten der Intensiv-Landwirtschaft
Die beiden Hotspots des Hirntumorrisiko sind inmitten von landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten. Äcker, Obstplantagen, Rebberge und Gemüsefelder werden bis zu 20-mal pro Jahr mit giftigen Pestiziden gespritzt. Insgesamt setzen konventionelle Landwirte so Jahr für Jahr über tausend Tonnen von Wirkstoffen gegen Pilzerkrankungen von Nutzpflanzen, Schadinsekten und Unkräutern ein, von denen einige bereits in Kleinstmengen für Mensch und Umwelt giftig sind. Deren Rückstände und Abbauprodukte (Metaboliten) finden wir weit verteilt in der Natur, auf Lebensmitteln, in den Gewässern und sogar im Trinkwasser. Wo in der Schweiz am meisten Pestizide eingesetzt werden, zeigt sich am Gehalt der Abbauprodukte im Grundwasser (siehe auch folgende Abbildung, Quelle: Naqua, 2019).

Pestizide als Ursache?
Die geografische Übereinstimmung zwischen erhöhtem Hirntumorrisiko und der pestizidintensiven landwirtschaftlichen Nutzung weist auf eine Beziehung zwischen Pestiziden und Hirntumorrisiko hin. Für die ForscherInnen der nationalen Studie der Uni Bern sind Pestizide denn auch eine mögliche Erklärung für das erhöhte Krebsrisiko. Und der deutsche Toxikologe Peter Clausing bestätigt, dass Pestizidrückstände Auslöser für Hirntumore sein können. «Ein Zusammenhang zwischen Hirntumoren und krebserregenden Pestiziden ist in der wissenschaftlichen Literatur belegt», sagt er, der früher für einen deutschen Pharmakonzern und für die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde tätig war.

Weg aus Risikogebiet
Was den Zürcher Hotspot im Zürcher Weinland anbelangt, ist für Robert Pasanen, Vater des verstorbenen Leon und Naturwissenschaftler, naheliegend: Die Gründe für den Tod seines Sohnes sind vor allem bei den Pestizidrückständen im Trinkwasser zu suchen. Denn die Anzahl der in der Umgebung an Hirntumoren erkrankten Kinder ist auffällig hoch, wie die betroffenen Familien Pasanen und Kreuzer herausgefunden haben. Allein in den drei Jahren zwischen 2017 und 2019, in denen auch ihre Kinder dem Tod erlagen, sind ihnen insgesamt sechs Fälle aus der nahen Umgebung bekannt. Die meisten dieser Kinder sind an den Hirntumoren verstorben. Der Verlust des eigenen Kindes schmerzt. Die Sorge um weitere Verluste ist allgegenwärtig. Familie Pasanen ist weggezogen aus der «Gefahrenzone» Zürcher Weinland.